Nachgefragt
Webmaster Jam im Gespräch mit Generalintendant Thorsten Wszolek
Dezember 2006, anlässlich der letzten Vorstellung von DIE MUNDART WEIHNACHTSGESCHICHTE
JAM: Herr Generalintendant, auf Ihrem Spielplan der Saison 2006/2007 steht nun zum letzten Mal Charles Dickens’ DIE MUNDART WEIHNACHTSGESCHICHTE. Als Sie Ihr Musical 1997 zur Uraufführung brachten, konnten Sie damals den Erfolg über nunmehr 10 Jahre absehen?
WSZOLEK: Nein, das konnten wir mit Sicherheit nicht, sonst hätten wir bei der Produktion der Kulissen und der Kostüme langfristiger gedacht. Hätte man damals wirklich absehen können, wie groß und wie lange anhaltend der Erfolg sein würde, hätten wir die über 100 Kostüme besser nähen lassen können, als jedes Jahr zu leihen. Die Kulissen wurden bereits im Jahr 2000 völlig neu designed und dann wesentlich stabiler gebaut. Diese haben nun aber bis heute gehalten.
JAM: Herr Generalintendant, wie erklären Sie sich den anhaltenden Erfolg dieses aus dem eigentlichen Spielplan stark heraus fallenden Stückes? Üblicherweise liegt der Fokus im Standartrepertoire des M.A.T. wesentlich mehr auf Humor und Unterhaltung.
WSZOLEK: Ich denke, Herr Webmaster, einen Teil der Antwort formulieren Sie bereits in Ihrer Frage. DIE MUNDART WEIHNACHTSGESCHICHTE ist eben gerade etwas anderes. Es ist nicht nur einfach ein Schwank, eine Komödie, ein Volksstück, ein Drama, ein Märchen oder ein Musical. Es ist von allem ein bisschen. Die dazu –ebenfalls anders als sonst– eher melancholisch klingende, durchgängig in ¾-Takten gehaltene Musik in Verbindung mit dunklem Design und schummerigen Luft treffen die Stimmung der Menschen von Jung bis Alt in der Vorweihnachtszeit mitten ins Gemüt – und somit ins Herz. Hierbei ist anzumerken, dass rund 2/3 der Zuschauer jedes Jahr kommen, quasi wie eine Tradition alljährlich zum 4. Advent – ähnlich wie „Dinner for One“ im Fernsehen an Silvester.
JAM: Herr Generalintendant, hat sich denn das Stück selbst auch in zehn Jahren verändert, oder kann man davon ausgehen, dass die Zuschauer heute lediglich mit wechselnden Darstellern dieselbe Inszenierung sehen?
WSZOLEK: Das Stück selbst hat sich aufgrund der vorhandenen Vorlage von Charles Dickens nicht unbedingt verändert, aber es hat sich von Jahr zu Jahr weiter entwickelt. Sehen Sie, die Vorbild-Produktion hatte am 1. Dezember 1994 im Paramount Madison Square Garden Welturaufführung. Es folgten Kopien auf der ganzen Welt. Jede dieser Inszenierungen hatte von vorne herein ihren eigenen Charakter, abweichende Songs und durch die verschiedensten Darsteller auch mehr oder weniger unterschiedliche Interpretation der einzelnen Figuren. Unsere ursprüngliche Fassung war wesentlich stärker noch auf M.A.T.-Klamauk ausgerichtet und wurde, meistens bedingt durch Besetzungsänderungen, den weltweiten Produktionen angepasst. Die letzten größeren Veränderungen kamen bei uns im Jahr 2003 mit dem neuen Cast Frank Lehmann als Märchen Oma, Mathias Münch als Bob Cratchit, Barbara Kornek als Emily Cratchit, Wolfgang Bier als Dodi Marley und Jürgen Link-Hessing als Mr. Fezzewig. So ist eigentlich bis heute alles geblieben.
JAM: Herr Generalintendant, warum setzen Sie nach zehn erfolgreichen Jahren ohne Grund dieses beliebte Musical ab?
WSZOLEK: Die Frage stellt sich. Die Antwort ist vielschichtig – aber simple. Erstens ergeben zehn Jahre ja eine schöne runde Zahl, zweitens ist es immer besser mit einem großen Erfolg aufzuhören, als dass wir irgendwann die Produktion mangels Publikum einstellen müssten, und drittens ist es für ein Ensemble-Theater, wie wir es sind, wichtig, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Soll heißen: Wir möchten nach zehn Jahren auch einmal etwas Neues entwickeln. Außerdem wird die Tournee-Produktion von DIE MUNDART WEIHNACHTSGESCHICHTE weiterlaufen.
JAM: Herr Generalintendant, wissen Sie denn heute schon, womit Sie die entstehende Lücke im Spielplan zu füllen gedenken?
WSZOLEK: Ich weiß es schon, aber ich werde es Ihnen nicht sagen!
JAM: Abschließend noch, Herr Generalintendant, gibt es aus diesen zehn Jahren eine kleine Anekdote, eine besonders lustige Panne, oder sonst irgendwie ein denkwürdiges Ereignis, das Ihnen für immer im Gedächtnis bleiben wird?
WSZOLEK: Also, Herr Webmaster, besonders große Pannen sind in zehn Jahren nicht passiert, außer das einmal im ersten Akt die komplette Lichtanlage für kurze Zeit ausgefallen ist. Wir haben trotzdem weiter gespielt. Besonders schön und erinnerungswürdig für mich war das Gastspiel in Frankfurt Bergen-Enkheim in der Nikolaus-Kapelle der Saalbau GmbH. Ich hatte die Orchestrierung ohnehin über die Jahre aus Kostengründen von ursprünglich 30 Musikern auf 18 gekürzt. Für diesen kleinen Raum, in den ohnehin nur 80 – 100 Zuschauer passen, schrieb ich abermals eine neue Fassung für 13 Musiker. Als wir dann vor Ort waren, stellten wir fest, dass selbst das noch zu viel war. Wir zogen die Bühne ein Stück nach vorne und setzen das Orchester um die gesamte Spielfläche herum. Das sah relativ ulkig aus. Aber eben durch diese Enge zwischen Darsteller, Musiker und Publikum entstand unbeschreibliche Intimität und eine Atmosphäre, die man in großen Bühnenhäusern gar nicht erst versuchen sollte zu erzeugen. Was mit vielen kleinen Notlösungen begann, stellte sich schnell als ein kultureller Highlight heraus. Ich werde diesen Sound nie vergessen.
JAM: Dann bleibt mir nur noch ihnen fürs letzte Jahr von DIE MUNDART WEIHNACHTSGESCHICHTE alles Gute und viel Erfolg zu wünschen.
WSZOLEK: Vielen Dank, aber es geht auch ohne ihre dreckige Bemerkung!
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